Brunnenkresse – eine Leidensgeschichte

Ich kann mich nicht erinnern, jemals Brunnenkresse gegessen zu haben. Ich habe, soweit ich weiß, auch nie besonders Lobenswertes in Zeitschiften, Kochbüchern oder Küchenblogs über Brunnenkresse gelesen oder gehört. Trotzdem packt mich beim Wort Brunnenkresse seit Jahren eine unerklärliche Euphorie: wenn ich Brunnenkresse hätte, wär alles besser!

Nun ist es ja nicht so, dass man als Mitteleuropäer ständig über Brunnenkresse stolpert, und wenn ja würde zumindest ich sie nicht erkennen. Also bleibt nur ein Wochenmarkt mit fachkundigem Personal oder der Selbstanbau mit beschrifteten Samentütchen. In meiner Münchner Zeit hätte es ja auf dem Viktualienmarkt klappen müssen, hat es aber nicht. Und auf dem Balkon hab ich mich nicht getraut; schließlich heißt das ja Brunnenkresse und einen Brunnen zu bohren war mir – zumindest habe ich mir das eingeredet – seitens der Eigentümergemeinschaft nicht erlaubt.

Jetzt, da ich einen Garten habe, war dann alles viel einfacher. Brunnen bohren war offensichtlich laut Samentütchen doch gar nicht nötig. Eine geräumige Pflanzschale ist ausreichend und ein Stellplatz im Halbschatten war schnell gefunden. Also, Samen laut Anweisung ausstreuen, gut wässern, abwarten und feucht halten.

Wie von der Gartenkresse gewohnt lies das Grün auch nicht allzu lange auf sich warten. Aber dann geschah Merkwürdiges. Stagnation auf der ganzen Linie. Über Tage und Wochen hinweg wurde das Grün nicht grüner, keines der Pflänzchen schien zu wachsen. Gerade als Gartenneuling darf man ja aber die Geduld nicht verlieren, also den Stoiker ausgepackt und gewartet und gewässert und gewartet.

Als dann allerdings eines Morgens das Grün weniger geworden war, nicht etwa gelb oder braun, sondern einfach weniger, verwandelte sich der Wartende in den Grübelnden. Da die grauen Zellen im Alter manchmal etwas schwerere in die Gänge kommen, mag ich dann einige Zeit so dagesessen haben wie der Denker von Rodin:

Rodin-Denker-Kyoto

Dann aber kam die beste Ehefrau von allen mit ihrer Geschichte daher. Dass nämlich die Pflanzschale neben dem Vogelbad stehe und die Kleinen nach einem ausführlichen Bad öfters mal gerne vom benachbarten zarten Grün naschen. Zur Stärkung, oder so. Oha, das schreit nach Gegenmaßnahmen. Grausame Rachegedanken – Gift! Kanonen! -beiseite räumend bekam die Kresse ein Asyl unter einem Plastikzelt. Und siehe da, langsam, sehr langsam scheinen sich Pflänzchen vom Knabberschock zu erholen:

Brunnenkresse-Schale

Nach der Rekonvaleszenz

Das kann ja nun nicht mehr lange dauern, die Endorphine sammeln sich schon. Also mal Google fragen, wie man die Glückshormone da am besten kitzelt:

  • Jede Menge Brunnenkressesüppchen. Ich hasse grüne Suppen. Nicht, dass ich je eine gegessen hätte, aber da scheinen frühkindliche Erinnerungen wach zu werden, also weg damit.
  • Paule war bei ihrer Brunnenkresse-Ziegenkäse-Quiche gar nicht überzeugt vom Geschmack. Es könnte aber auch Portulak gewesen sein.
  • Katha hat nicht mehr genügend Brunnenkresse und nimmt Petersilie für Stevan Pauls Sauce zum Spargel und dann ist die Saison ja wohl wirklich vorbei.

Ich glaube, ich fang mal ganz klein an: Geröstetes Bauernbrot mit Brunnenkresse. Und alles wird gut.