Artikel publiziert im Mai, 2012

Müll

Erstens: Gelber Müll

Wenn ein gelber Sack platzt und ein norddeutscher Wind die Plastikreste der vergangenen Mahlzeiten dekorativ und großflächig auf einer Wiese verteilt, dann hat der müßige Spaziergänger auf dem Weg zum Bäcker Gelegenheit, eine Zeitlang andächtig still zu stehen und sich in Kontemplation zu vertiefen: Das ganze Elend der deutschen Esskultur ausgebreitet als Gott sei Dank vergängliches Mahnmal. Beim Aufbruch bleibt außer einem tiefen Seufzer nur der Trost, dass es noch einen Bäcker gibt, auch wenn nicht alle seine Produkte den hohen Qualitätsanspruch erfüllen, den man gerne für sich erheben würde.

Ich plädiere dafür, dass aus den Gewinnen der Mülltrennung eine Stiftung eingerichtet wird, aus deren Erlös sich der Bürger kostenlos mit Stimmungsaufhellern versorgen kann.

Zweitens: Gedächtnismüll

Me pidet, pudet, paenitet,
me taedet atque miseret.

Das ist ein Merkvers, mit dessen Hilfe sich der Schüler die unpersönlichen lateinischen Verben einprägen soll. Es ist mir ein Rätsel, wie jemand auf den Gedanken kommen kann, dass man sich das merken kann. Allerdings scheint es mir doch gelungen zu sein, denn nach Jahrzehnten, in denen ich lateinische Verben, und schon gar die unpersönlichen, in keinster Weise vermisst habe, tauchte der Spruch plötzlich aus den Tiefen der verschütteten humanistischen Bildung wieder auf. Übersetzt heißt er etwa:

es verdrießt mich, ich schäme mich, es reut mich,
es ekelt mich, es jammert mich an.

In meinem Gehirn plötzlich wieder aufgetaucht ist der Merkvers bei der Lektüre der Süddeutschen: “Schlecht beraten” im Wirtschaftsteil vom Freitag, den 25.Mai. Es ist mir nicht gelungen, den Artikel online zu finden, aber egal: Es gibt da ein Schaubild, das 10 Experten und führende Mitarbeiter des BfR (Bundesinstitut für Risikoforschung) zeigt. Diese Institut berät die Bundesregierung in Sachen Gentechnik.

Schön dass unsere Bundesregierung gentechnisch veränderte Kartoffeln zuerst mal diesen Experten zeigt, bevor sie auf unserem Teller landen. Ich hab ja nichts gegen Gentechnik, aber: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.

Unschön aber, dass 7 dieser abgebildeten Experten zusammen mit Monsanto, Pioneer, Syngenta, Bayer oder BASF an Gentechnik-Patenten beteiligt sind. Ich wiederhole: an Patenten beteiligt! Dass die restlichen 3 wenigstens (indirekt) von diesen Firmen bezahlt werden, fällt da kaum noch ins Gewicht. Zuständig für diesen kleinen Thinktank ist übrigens meine Lieblings-Politikerin: Frau Ilse Aigner.

Ich plädiere dafür, dass aus den Gewinnen dieser Firmen eine Stiftung eingerichtet wird, …

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“Unpersönlich” an diesen Verben ist übrigens, dass es sie nur in dritten Person Singular gibt und dass sie zu allem Elend auch noch mit dem Genetiv benutzt werden. Also nicht: Ich schäme mich, sondern es schämt mich: Es schämt mich der Experten, es jammert mich der Frau Aigner – mein Lateinlehrer wär stolz auf mich!

Schade

Vor einigen Wochen habe ich eine Ankündigung gelesen: “Der Welt-Fischbrötchentag” wird stattfinden. Das Datum hab ich natürlich sofort vergessen, aber ich lebte seither in freudiger Erwartung.

Die Feuilletons werden überquellen, dachte ich, überquellen mit längst überfälligen Diskussionen. Ist es der Fisch, ist es das Brötchen? Darf dazwischen was sein? Wie dick sollte der Zwiebelring geschnitten sein? Welches Salz empfiehlt der Experte und wie viel? Gibt es Strafen für Mayonnaise und wie hoch sind die?

Mit großem Bedauern muss ich jetzt allerdings feststellen, dass der große Tag bereits am 12. Mai war und unbemerkt an mir vorübergegangen ist. Ich lese wohl die falschen Zeitungen und habe die falschen Blogs abonniert, schade!

Andererseits: Welt-Fischbrötchentag, mit der Betonung auf Welt! Vielleicht hyperventiliere ich ein wenig, aber ich meine auch “international day of the fish-bun” gelesen zu haben. Sowas darf man mir doch nicht verschweigen, oder? Ich wär die Zielgruppe gewesen! Hey, Medienschaffende und Foodblogger dieser Welt: Nehmt ihr meine Anliegen nicht ernst? Muss ich mich um alles selbst kümmern?

Nun denn, ich bin noch weit vom Expertentum entfernt, aber seit meinem Umzug in den Norden ist die Fischbrötchenaufnahmefrequenz signifikant angestiegen, und so will ich meiner Chronistenpflicht mit ein paar fundierten Erkenntnissen und Gedanken nachkommen.

Erstens: Es muss der Fisch sein, das Brötchen ist es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht! Entweder der Verbraucher fragt die Kombination aus Fisch und Pappdeckel erheblich stärker nach, als ich mir das vorstellen kann, oder es handelt sich um eine Ausgeburt der vermaledeiten Regionalisierung: In Gegenden in denen die Kenntnis der Behandlung des Fisches im Allgemeinen und des Matjes-Filets im Besonderen nicht gänzlich verloren ist, führt der Weizen ein eher unbedeutendes Schattendasein und vice versa. Mein inniger Wunsch nach der Kombination aus knusprigem Weizenbrötchen und frischem oder fachmännisch mariniertem und gelagertem Fisch wird mich noch zum Brötchenbäcker machen! Auch dafür hätte ich mir Rat erhofft.

Zweitens: Jein. Auf der sicheren Seite ist man mit dem Basisrezept: Zwei Brötchenhälften, 1 Matjesfilet, zuklappen, fertig! Andererseits sollte man als Connaisseur nicht zu festgefahren sein und auch über andere Fischarten oder gar sparsam verwendete japanische Algen nachdenken, die nicht nur dekorativen Zwecken dienen würden – nur zu.

Drittens: Hier scheiden sich die Geister. Wer dem zarten Aroma des Matjes-Filets nichts abgewinnen kann, bevorzugt eine große Menge dick geschnittener scharfer Haushalts-Zwiebeln, während ich – ohne das werten zu wollen – doch eher einen oder zwei dünne Ringe einer Tropea-Zwiebel empfehlen würde.

Viertens: Um Gottes Willen! Der Kenner drapiert ein paar Kristalle Pyramidensalz aus dem Himalaya neben dem Fischbrötchen, achtet aber peinlich darauf, dass jenes nicht mit diesem in Berührung kommt!

Fünftens: Das entzieht sich meiner Kenntnis. Sollte es allerdings im Rahmen der Bürgerbeteiligung je zu einer Abstimmung über diesen nicht unwichtigen Sachverhalt kommen, wüsste ich, wo ich mein Kreuzchen würde.

Schöne Pfingsten.

Lakaien

Eurokrise hin, Hungersnöte her, wir leben endlich im kulinarischen Paradies! Demnächst vielleicht mal abgesehen von griechischem Yoghurt haben wir eigentlich alles, was sich Feinschmecker je erträumt haben.

Salzlämmer aus der Normandie, Bresse-Kapaune, Austern aus der Bretagne, gestopfte Gänseleber aus der Tiefkühltheke. Frische Fische aus überquellenden Meeren, Barben, Brassen und Loup der Mer. Feiner Spargel, das Pfund für 99 Cent. Grüne Erbsen rund ums Jahr dank niemals versagenden Kühlketten. Aromatische Erdbeeren aus dem regenreichen Andalusien. Frischer, vitaminreicher vorgeschnittener Salat um die Ecke. Es ist ein Traum!

Freilaufende Stubenküken, frische Eier, die Mauser ist ausgerottet! Wildbret und Fasane aus tiefgrünen deutschen Wäldern; eichelgemästete Schweinekarbonaden – nur gewürzt mit wenig Fleur de Sel und leicht in irischer Sauerrahmbutter geschwenkt: herrlich!

Nur ein Problem haben wir noch nicht richtig im Griff, weder an der häuslichen Tafel noch in den Herbergen, in denen sich die Digitalnomaden des Abends zusammenfinden:

“Es stände zu wünschen, daß man während des Mahles die Anwesenheit der Bedienten entbehren könnte oder daß sie dabei wenigstens immer im Gefolge des Haushofmeisters erschienen und sich dann wieder entfernten, anstatt wie Automaten hinter dem Stuhle jedes Gastes aufgepflanzt zu bleiben. Ihr leerer Magen, ihre gierigen Blicke und ihre gespitzten Ohren machen diese Beharrlichkeit zu einer wahren Marter für die Tischgenossen und für sie selbst (…) Die leckeren Sachen, die sie beständig vor Augen haben und nicht genießen können, werden zu wahrhaft peinvollen Erfahrungen für sie (…) und der Anblick dieser schmachtenden Mienen und gierig verzerrten Mäulern ist wirklich dazu angetan, den Appetit des unerschrockensten Feinschmeckers lahmzulegen.” 1)

Tut sie doch weg!

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1) Grimod de la Reyniêre, Grundzüge des gastronomischen Anstandes.

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Quellen

 Regionale Esskultur Lüneburger Heide